Samstag, 2. Mai 2026

Am Rockzipfel von Mütterchen Russland ...

Nach dem Besuch des letzten Weingutes, waren wir auf den Geschmack gekommen und haben uns gute 100km weiter westlich erneut in einem Weingut einquartiert. Nur wir und ein riesiges Weingut, keinerlei Gäste oder andere Menschen weit und breit. Es wirkte schon etwas skurril, dass man ausschließlich für uns hier den Betrieb aufrecht erhielt. Bei einem guten Essen und ebenfalls gutem Wein, ließ sich diese Tatsache aber gerade so ertragen.








Die sibirische Kälte aus dem Norden drängte uns nach Westen weiter, genauer gesagt nach Zqaltubo, einem, wenn nicht sogar dem bedeutendsten Kurort sowjetischer Zeiten. Die hier zu findenden Thermalquellen weisen eine leichte Radioaktivität auf, weshalb bis zum Zusammenfall der Sowjetunion über 30 Sanatorien zur Rheumabehandlung hier zu finden waren. Nach dem Zerfall der Union und der Unabhängigkeit der umliegenden Staaten dienten die ehemaligen Gebäuden zeitweise bis zu 250.000 Binnenflüchtlingen als Unterkunft. Bei den Flüchtigen handelte es sich oftmals um ethnische Georgier aus Abchasien, die nach der Annektierung durch Russland ihr Weideland etc. verloren und sich nun weiter im Landesinneren ansiedelten. 

In den 2000er wurde von Staatlicher Seite versucht, dem Ort neues Leben zu verpassen und es man akquirierte eine Menge Fremdkapital, die die alten Kurstädten wieder auf Vordermann bringen sollten - mit überschaubaren Erfolg, wie wir feststellen mussten.

Eine Sache hat man allerdings geschafft - augenscheinlich ist Zqaltubo und die Region ringsherum die beliebteste Location, wenn es ums Heiraten geht. Also schlechte Nachricht für diejenigen, die auf Partner:innensuche sind, die sind alle vergeben. Auf dem Weg nach Zqaltubo verpasste ich die Ausfahrt auf der Landstraße, weshalb uns der Weg durch die Außenbezirke Kutaissis führte und direkt in den wohl längsten Hochzeitskorso der Welt. Jegliche Autokolonne in Berlin kann einpacken im Vergleich dazu. Auf einer Strecke von locker 5-10 km fuhren die Kollegen, teilweise zu dritt nebeneinander auf der einspurigen Straße und lieferten sich ohrenbetäubende Hupkonzerte. War nur minimal belastend, zumal die Kumpel vermutlich auch alle schon einen im Tee hatten und entsprechend gefahren sind ...

Zqaltubo bot neben leerstehenden Sanatorien und alten Sowjetbauten wenig, weshalb wir kurzentschlossen mit dem Gedanken spielten, zum örtlichen Topspiel der georgischen Fussballliga zu gehen. Nachdem wir eine Weile am Stadion rumlungerten, wunderten wir uns, warum der Mannschaftsbus der gegnerischen Mannschaft knapp 60min vor Anpfiff das Stadiongelände verließ. Zusätzlich verwaiste das Stadiongelände immer mehr ... nach umständlicher Recherche mussten wir dann feststellen, dass man scheinbar relativ kurzfristig das angesetzte Spiel aus dem Stadion auf einen Kunstrasenplatz außerhalb der Stadt verlegt hat. Da bereits etwas Alkohol geflossen war, bestand die Option dort noch hinzufahren nicht mehr, weshalb wir den Rückweg unverrichteter Dinge antreten mussten.














Am kommenden Morgen ging es weiter nach Poti, direkt ans schwarze Meer. Poti verfügt über einen der größten Häfen Georgiens und ist eine klassische industrielle Hafenstadt. Während des Kaukasuskrieges 2008 marschierten die russischen Streitkräfte hier kurzer Hand ein und zerlegten Teile der Stadt und des Hafens. Umso überraschender erschien es uns, dass diese Stadt scheinbar ein russischer Touristen Hotspot ist. Die Stadt selbst interessierte uns weniger, sondern die umliegenden Nationalparks, wobei uns das Wetter direkt einen Strich durch die Rechnung machte. Auf Grund starker Winde, konnten die Sumpflandschaften im Kolkheti Nationapark nicht befahren werden. Im Mtirala Nationalpark hatten es in den letzten Tagen bzw. Wochen relativ stark geregnet, weshalb es an den eh schon schmalen Straßen zu Abgängen kam, die ein sorgenloses befahren der Straßen fast unmöglich machten. 

Die Saison an der Schwarzmeerküste hatte augenscheinlich noch nicht begonnen, weshalb es teilweise gespenstisch leer und teilweise etwas vernachlässigt wirkte. Die komplette Küstenregion wird aktuell augenscheinlich von russischen Geldgebern geflutet, da an jeder Ecke "Ressorts" für eben jene entstehen - irgendwie schade um die Gegend. 

Unverhofft kamen wir auf einem Berggipfel noch an der Festung Petra vorbei - bei weitem nicht das, was uns in Jordanien erwartet hätte, aber trotzdem ein netter Abstecher.























In Poti wurde uns mal wieder klar, dass wir doch eher für die Berge gemacht sind, weshalb es weiter nach Bordschomi ins Landesinnere ging. Ebenfalls ein ehemaliger Kurort, der von Stalin und Konsorten bis in die 1960er Jahre genutzt wurde und anschließend auch als Sammelpunkt für vertriebene ethnische Georgier diente bzw. bis heute dient. Auf Betreiben des ehemaligen Präsidenten bewarb sich Bordschomi und die Region um die Austragung der olympischen Winterspiele 2014 - ohne Erfolg, wie wir wissen. Heute erlebt der Ort einen kleinen Aufschwung als Kurort für privilegierte Russen und Georgier aus Tiblisi, sowie als Startpunkt für Wanderungen.

Unsere Herbergsmutter Irina empfing uns direkt sehr herzlich und offerierte den hausgemachten Rotwein, noch ehe wir unser Zimmer beziehen konnten. Der Ort selber bietet Unterhaltung für einen Tag, weshalb es uns am kommenden Morgen direkt in den angrenzenden Nationalpark zog. Gute 9km und knapp 530 Höhenmeter später genossen wir die Aussicht über das Tal rund um Bordschomi. Der durchaus anstrengende Aufstieg über Stock und Stein wurde vom abenteuerlichen Abstieg mit teilweise mehr als 13% Gefälle noch getoppt. Entsprechend knülle ließen wir den Abend entspannt ausklingen - wobei allzu entspannt war es nicht, da Irina die Vermieterin Geburtstag hatte und allen Anschein nach auch ordentlich Grund zum Feiern und trinken hatte. Dem Wein konnten wir uns entziehen, der Dauerbeschallung mit Russischen Trance Pop Hits der 70er, 80er und 90er Jahre jedoch nicht.














Nach den Strapazen auf dem Berg, war uns am folgenden Tag nach Kultur - so fuhren wir nach Wardsia. Eine knapp 900 Jahre alte Höhlenstadt, die in die Felsen des kleinen Kaukasus gebaut wurde. Auf 7 Etagen bot diese Stadt zeitweise bis zu 50000 Menschen Unterschlupf. Heute sind nach Erdbeben, Kriegen etc nur noch einzelne Wohnungen übrig, die teilweise als Museum, aber auch weiterhin als Unterkunft für Mönche und Novizen dienen.















Der letzte Abend in Bordschomi bot noch einmal etwas Skurrilität. Ein kleines Restaurant in einer Seitenstraße versetzte uns kurzerhand in eine Zeitreise in die ehemalige UDSSR ... die Leute zwar nett, aber der Personenkult um Stalin und alle anderen Genossen war doch etwas drüber.




Generell mussten wir feststellen, dass die Stimmung gen Westen im dem Land doch deutlich pro russischer wurde, als man es anfangs in Tbilissi hätte erwarten können. Irgendwie getreu dem Motto, wenn du den Feind nicht los wirst, dann mach es ihm bequem ...

Unsere letzte Station der Reise quer durch Georgien wurde dann Mzcheta, nördlich von Tbilissi.

Auf den Weg dorthin, machten wir noch einen Abstecher zur Kazchi-Säule. Eine knapp 40m hohe, freistehende Kalkstein-Klippe, auf deren Gipfel sich ein Kloster befindet.






Mzechta gilt als religiöses Zentrum Georgiens und hat mehr oder minder den Charakter eines Wallfahrtsortes. Die Wahl unserer Unterkunft war im Nachgang betrachtet vlt nicht die Cleverste Entscheidung, da wir uns nur knappe 25 Meter von der Swetizchoweli Kathedrale befanden. Und die bimmelte rund um die Uhr, auch mitten in der Nacht, aber gut, wir mussten ja eh früh raus um zum Flughafen zu kommen. 








Nach knapp 2000km quer durchs Land, ging es heute Vormittag dann zurück nach Berlin - diesmal leider in einem ausgebuchten Flieger, der voller lauter und aufgeregter Georgier:innen war, aber wieder mit den wohl desinteressiertesten Flugbegleiter:innen der Welt.