Neuer Tag, neues Königreich. Diane Fossey, Jane Goodall, Marie und Björn - eine Reihe Weißer, die sich berufen fühlen den afrikanischen Urwald und deren Bewohner zu erforschen. Inwieweit die erstgenannten Damen sich vorab intensiv mit den örtlichen Begebenheiten beschäftigt haben, entzieht sich der Kenntnis des Autors, die Letzteren haben sich zumindest die Mühe gemacht und sich vorab ein wenig mit den Bewohnern, die hier seit Jahrhunderten ansässig sind zu beschäftigen, ehe man mit ihnen Kontakt aufnehmen und quer durch ihr Wohnzimmer latscht und alles bestaunt. Bevor es allerdings in den Urwald ging verließen wir zunächst den Queen Elizabeth Nationalpark im Westen des Landes, der aktuell auf Grund des Ausbleibenden Regen wie beschrieben mehr vor sich hindörrt und brennt, als königlich zu leuchten. Unsere Reise führte weiter in das ehemalige Königreich Akole, genauer in Richtung Kongolesische Grenze in den Bwindi Impenetrable Forest National Park. Ähnlich wie das Sumpfgebiet rund um Entebbe handelt es sich hierbei um eine sogenannte Zonose. Einem potentiellen Brutgebiet für pandemische Viruserkrankungen, die von Tieren zu Menschen übertragen werden. Hier wurden u.a. Zika und Ebola entdeckt, nachdem der Mensch mit verschiedenen Tieren interagiert hat und anschließend angesteckt wurde. Es gilt also erhöhte Vorsicht für uns und alle anderen Bewohner der Region. Neben der eh schon mehr oder minder landesweit typischen Desinfektion und Waschung der Hände, gilt hier beim Zusammentreffen mit Waldbewohnern absolute Maskenpflicht. Man hatte schon einen kleinen Pandemie Flashback, als ringsherum die Leute mit FFP-2 und Medizinischen Masken auftauchten. Dient aber sowohl dem eigenen, als auch dem Schutz der vom Aussterben bedrohten Bewohnern - den Berggorillas. Ausgangspunkt für unsere Forschungsreise war die Gemeinde der Bakiga. Bakiga bedeutet soviel wie Berg-Menschen. Eine Community die neben dem Kartoffel- und Kaffeeanbau auf den Steilhängen eigentlich nichts hat. Hier und in der Umgebung finden sich die vermutlich einkommensschwächsten Bewohner Ugandas. Die Bewohner haben neben der majestätischen Wirkung der Berggorillas aber auch deren Touristischen Zweck erkannt und engagieren sich als Gemeinschaft für den Schutz der Tiere und dem Erhalt des Waldes. Dieser ist durch die immer weiter steigende Nachfrage nach Farmland gefährdet, was eben auch den Lebensraum der Gorilla gefährdet. Die Mitglieder der Bakiga bieten ihre Erfahrungen im Urwald als Trecker und Porter an. Quasi Fährtenleser und Bergsteigerguide. Ähnlich lief es auch bei unseren Trekkings zu den Schimpansen, auch dort fungieren die Einheimischen als Trekker, die mehrere Stunden, wenn nicht sogar Tage im Wald verbringen und die Fährten der Tiere lesen und deren Standort dokumentieren.
Das Ziel unserer Reise war damit dann auch eigentlich erledigt. Land gesehen, Leute kennengelernt, Kultur erlebt und sowohl Schimpansen, als auch Gorillas in freier Wildbahn beobachtet. Entsprechend euphorisiert ließen wir unseren Aufenthalt in der Bakinga Community ausklingen, da am kommenden Morgen bereits die Weiterfahrt an den Lake Muhlele anstand. Da es ja immer so eine Sache mit Wildtieren ist und man nie weiß ob man sie tatsächlich zu Gesicht bekommt, wollten wir auf Nummer sicher gehen und hatten uns im Vorfeld für ein weiteres Gorillatrekking angemeldet. Diesmal in einem deutlich kleineren Gebiet, dem Mgahinga Nationalpark. Der Park erstreckt sich über die Grenzen Ugandas, DR Kongos und Ruandas, was das Trekking erschweren kann, da die Gorillas keine größere Visa Problematik zu erwarten haben und sich entsprechend über die Landesgrenzen hinaus verteilen können. Unsere Truppe dieses Mal bestand aus einem deutschen Pärchen, bei dem das Mädel nach bereits 5min ihrem Partner erklärte, sie würde ihn für den anstehenden Aufstieg hassen, erst Recht, nachdem er sie scheinbar Tags zuvor bereits mehrere Stunden auf einen Vulkan hochgescheucht hatte. Irgendwie kam mir die Szenerie bekannt vor, aber Marie reagierte glücklicherweise nicht auf meine Blicke, sonst hätte sie sich vermutlich mit ihr verbündet und auch mir Vorhaltungen wegen irgendwas gemacht. Neben dem deutschen Pärchen war noch ein kanadisches Pärchen anwesend, die die ganze Zeit eigentlich nur Unsinn gequatscht haben und leichte Anzeichen von ADHS aufzeigten. Besonders die Dame war mit sich, ihrem Kameraequipment und den äußeren Eindrücken und Einflüssen auf sie, sowohl geistig, als auch besonders körperlich absolut überfordert, was dazu führte, dass der nicht unbedingt leichte, aber bei weitem nicht so schwere Aufstieg sich brachial in die Länge zog und meine Freude massiv sank. Name unserer Truppe war heute "Team Schnecke" ... Der Lauffluss wurde quasi alle 10 Minuten durch eine, in meinen Augen absolut unnötige Pause unterbrochen. Entsprechend zog sich der Aufstieg und wir benötigten knapp 1,5 Stunden, um die Bambushänge zu erreichen, in denen sich die örtliche Gorillafamilie zu diesem Zeitpunkt aufhielt. Rund um den Nationalpark herrscht ebenfalls starke Dürre, weshalb die Gorillas auf höhere Ebenen ausweichen müssen, um genügend frische Nahrung zu finden.
Den Nachmittag verbrachten wir in der Community, bevor am kommenden Morgen zusammen mit einer kenianischen Studentin, die in Hamburg wohnt und in München studiert, sowie schweizer Mutter-Tochter Kombi in den Regenwald. Begleitet wurden wir von 3 Leuten des Nationalparks, samt geladener vollautomatischer Maschinenpistole. Nicht weil sie Angst hatten, wir würden uns daneben benehmen, sondern als potentielle Abschreckung der Waldelefanten und Büffel. Im Park leben aktuell über 20 Gorilla Familien, wobei nur ein Teil habituiert ist entsprechend friedlich auf Menschen reagiert. Nach guten 60 Minuten strammen Marsches über Stock und Stein, bergauf und -ab blieben wir unvermittelt stehen und erhielten die Ansage nochmal schnell etwas zu trinken, unsere Rücksäcke in die Ecke zu stellen und absolut leise zu sein. Wir hatten unser Ziel, die Mukiza Familie erreicht. Bestehend aus aktuell mehr als 20 Mitgliedern, wobei wir um die 15 zu Gesicht bekamen. Ein erneut unbeschreiblicher Moment und gute 60 Minuten der absoluten Euphorie zusammen mit den Gorillas stand an. In der Ruhe des Waldes saßen sie vollkommen unbeeindruckt von unserem Erscheinen und verfolgten ihren Tagesablauf. Klettern, Essen, Rumtollen und Schlafen. Der Silberrücken nahm das Treiben der Familie gelassen zur Kenntnis, während er mitten im Busch lag und sich von seinen Frauen putzen ließ.
Kaum hatten wir die Bambushänge samt der Gorillafamilie erreicht, rannte der Silberrücken laut brüllend nur knapp einem Meter an uns vorbei - selbst dem erfahrenen Trekker ging in dem Moment ein wenig der Stift. Letztlich steht man angewurzelt da und hofft, dass der Silberrücken sich einen Dreck für einen interessiert. Die Familie war im Vergleich zur vorherigen sehr agil, was zu kleineren Kletterpartien auf unserer Seite führte, da die Familie wenig Rücksicht auf uns nahm. Auch hier haben wir erneut atemberaubende Eindrücke gewinnen können, die nicht in Worte fassbar sind.
Neben Gorillas finden sich im Mgahinga Nationalpark ebenfalls Goldmeerkatzen. Um diese zu Gesicht zu bekommen ist ebenfalls ein mehrstündiger Trek durch den Park notwendig. Die Mischung der Teilnehmenden erfolgte augenscheinlich nach reinem Zufallsprinzip, auch wenn wir angeblich in der "Speedy"-Truppe sein sollten. Nach knapp 30 Minuten mussten bereits die ersten beiden Teilnehmer der Gruppe abbrechen und die verbliebenen Mitglieder zeugten ebenfalls nicht von allzu großer Motivation und Körperlicher Fitness. Der Aufstieg zu den Goldkatzen zog sich massiv in die Länge und nach guten 2 Stunden hatten wir es dann doch tatsächlich geschafft mit der Truppe fußlahmer Italiener , nachdem wir zwischenzeitlich von der "Slower"-Gruppe überholt wurden ... wir neigen sicherlich auch zu einer gewissen Selbstüberschätzung, was ja in der Natur des Berliners liegt, aber solch teilweise verschrobene Selbsteinschätzung der eigenen Fähigkeiten ist schon erschreckend. Wenn ich mit Mitte 60, einer gewissen Fettleibigkeit und lädierten Gelenken der Meinung bin, ich müsste mehrere hundert Höhenmeter auf unebenen und abschüssigen Gelände absolvieren, dann sollte man vlt. doch einmal die geistige Gesundheit prüfen.
Der durch Abholzung und kriegerische Handlungen im Grenzgebiet immer weiter schrumpfende Lebensraum der Meerkatzen führt zur akuten Gefährdung der Art.
Mit Abschluss des Goldmeerkatzentrekking endete für uns quasi auch der sportliche Teil der Reise. Die letzten Stationen unserer Reise dienten dann tatsächlich der Erholung. Der erste Zwischenstopp zurück Richtung Entebbe führte uns zum Lake Bunyonyi. Die Strecke zurück nach Entebbe brachte uns endlich auch das lange vermisste afrikanische Offroad Feeling - die Straßen, falls man sie so nennen möchte, waren bessere Trampelpfade, die ihre besten Zeiten auch schon hinter sich gebracht haben. Die knapp 400 Kilometer bis Entebbe sind in unter 12 Stunden Fahrt eigentlich nicht zu schaffen. Dem Umstand der mäßigen Infrastruktur, gerade im Süd-Westen des Landes ist man sich auf Regierungsseite zwischenzeitlich auch klar geworden. Es finden massive Infrastrukturprojekte im Land statt - ohne Rücksicht auf die Anwohner, die aus ihren Häusern vertrieben und zwangsenteignet und / oder umgesiedelt werden.
Mit einer Tiefe von fast 900 Metern gilt der See als zweittiefster See Afrikas. Der See besitzt 29 verschiedene Inseln, die teilweise bewohnt, teilweise aber auch unbewohnt sind. Die Inseln haben verschiedene Geschichten, wobei einerseits die Sharps Insel als ehemalige Lepra-Kolonie bis Mitte der 1980er Jahre fungierte und eine entsprechende Bedeutung für die Region besaß. Des weiteren gibt es als nennenswerte Insel noch das kleine Eiland "Akampene" bzw. Punishment Island. Auf dieser winzigen Insel wurden unverheiratete schwangere Mädchen ausgesetzt und dem Tod überlassen, da sie Schande über die Familie gebracht haben. Dieser Brauch sollte eine pädagogische Wirkung auf die anderen Frauen der Gemeinschaft haben, nicht den selben "Fehler" zu begehen. Zusätzlich dienten die verstoßenen Frauen auf der Insel mehr oder minder als Resterampe für die Männer der Umgebung, die nicht genug Kühe besaßen, um ihre ursprüngliche Herzdame zu bezahlen. Wer keine Kühe besaß, aber Bedarf an einer Frau hatte, hätte sich eine ausgesetzte Frau von der Insel holen können - wobei dies nicht allzu oft vorkam. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts wird dieser Brauch aber nicht mehr angewandt und die Insel dient heute als Brutstätte für Kraniche.
Unser letzter Abstecher in die Wildnis führte in den Mburo Nationalpark. Der Park wurde unter der Regierung Obotes errichtetet und ohne Einbindung der ansässigen Bauern wurden die entsprechenden Grenzen des Parks gezogen. Dabei wurden die Bauern enteignet und zwangsumgesiedelt - dies führte bereits zu Beginn zu massiven Wiederstand gegen den Park und gipfelte in der Besetzung und Zerstörung des Parks durch die ehemaligen Bauern. Unter Schirmherrschaft des heutigen Präsidenten Museveni wurden 1986 die Grenzen des Parks neu gezogen und man einigte sich auf eine duale Nutzung der Fläche als Weide und Nationalparkfläche. Neben der Flächenziehung gibt es immer wieder Zusammenstöße zwischen Bauern und Wildtieren - so wurde 2015 der letzte im Park lebende Löwe durch die Parkbehörde getötet, nachdem der Löwe 3 Bauern und mehrere Nutztiere angegriffen hatte. Den Bauern stehen zwischenzeitlich zwar Kompensationen für Ausfälle zu, die Akzeptanz der Bevölkerung ist dadurch allerdings nicht nennenswert gestiegen.
Im Mburo Nationalpark stand unsere letzte Safari mit unserem Guide Isaac an, der sich für die Nummer nochmal ins Zeug legte und kurz vor Schließung des Parks tatsächlich einen Leoparden gefunden hat - ein gebührender Abschluss für unsere Touren mit ihm. Am kommenden Tag wurden wir Zeuge eines seltenen Schauspiels - Regen.
Auf den letzten Metern des Urlaubs sollte es natürlich nochmal spannend werden - am Abreisetag erhielten wir knapp 10 Stunden vor dem geplanten Abflug eine Mail vom Carrier unseres Vertrauens ... oder besser Misstrauen - Brussel Airways dachte sich, es hat uns so gut gefallen, dass sie unseren geplanten Rückflug am Samstag ersatzlos stornieren und sich mit den Worten verabschiedeten, sie würden an einer Lösung arbeiten und sich melden. Auf die Rückmeldung warten wir bisher vergebens, trotz mehrerer Kontaktversuche, Mails etc. Ein Blick in die Buchung des Flugs offenbarte im Laufe des Nachmittags mehr oder minder zufällig, dass man uns auf einen Flug am Dienstag umgebucht hat. Kollidiert natürlich massiv mit unser Verpflichtung zur Lohnarbeit. Nach kurzer Recherche fand sich eine Alternativverbindung mit Turkish Airways über Istanbul nach Berlin - also kurz den Dispo ausgereizt und neue Tickets gebucht. Die Zuteilung der Flugzeuge bei Turkish warf Fragen auf, da für den knapp 6,5 Stunden Flug nach Istanbul eine kleine Mittelstreckenmaschine genutzt wurde, die den Komfort eines Barkas 1000 bot, während der Flug Istanbul - Berlin mit dem neusten Langstrecken Airbus bedient wurde.
Irgendwas ist ja bekanntermaßen immer, aber die Umstände können die unvergesslichen Momente der letzten Wochen nicht trüben - es kann und muss eine klare Empfehlung für dieses Land ausgesprochen werden, auch wenn natürlich nicht alles Gold ist was glänzt. Die seit mehr als 40 Jahren an der Macht vegetierende Regierung ist eine bessere Diktatur, die nicht müde wird jegliche Oppositionsmitglieder zu vertreiben oder zu liquidieren. Das Militär zieht im Hintergrund die Strippen und der Westen lässt sie agieren, da sie sich um die vermeintlichen Feinde im Sudan, Somalia und dem Nahen Osten kümmern.
Und auch hier schließen wir mit einem Ugandischen Sprichwort: Der Nörgler verlässt seinen Posten nicht, aber er schreckt andere Bewerber ab.










